Der Schweizer Mittelstand

Bei der Suche was der Schweizer Mittelstand ist, erhält man eine grosse Fülle von widersprüchlichen Informationen.

 

Grundsätzlich beruhen die realistischsten Angaben auf Demografischen Werten, der wichtigste Indikator ist allerdings jener der eigenen Wertigkeit. Wirtschaft und Arbeitnehmer haben unterschiedliche Wertungskriterien. In Statistiken können unzählige Faktoren genauso eingeflochten werden wie sie dem Verfasser am dienlichsten sind. Die Faszination der Buchhaltung ist beispielsweise, die Kriterien so zu verändern, dass die ausgewiesenen Zahlen dem nötigen Zweck entsprechen, ähnlich ist dies bei Statistiken. Es gibt also keine „einzig wahre“ Statistik, aber es gibt mindestens offizielle Werte mit welchen man arbeiten kann. Zwei solcher Statistiken dienen als Grundlage für den folgenden Artikel.

Avenir Suisse hat mittlerweile eine mächtige Stimme in der Schweiz und gilt u.a. auch als Verfechter des Mittelstandes. Avenir Suisse versteht sich als unabhängig und objektiv. In finanzieller Hinsicht beteiligen sie sich nicht an Politik und/oder politischer Werbung bei Volksabstimmungen. Trotzdem hat Avenir Suisse einen starken Einfluss auf die Bevölkerung. Sie sind ein oft gesehener Gast bei Talk und Politshows. Avenir Suisse wird aus der Privatwirtschaft finanziert und vertritt natürlich auch deren Interessen. Das ist weder schlimm noch zu beanstanden, allerdings wird die reale Objektivität dadurch natürlich beeinflusst.

Da Avenir Suisse im Gegensatz zu Economiesuisse noch einen recht integern Ruf geniesst, hat Politisch.ch die Mittelstands- Angaben von Avenir Suisse als Basis genommen (Sehen Sie hier).

Schon auf den Ersten Blick werfen die Zahlen auf der Tabelle Fragen auf. Ein Single, egal welchen Alters oder Wohnort mit einem Jahresbruttogehalt von Fr. 44`900.- gehört bereits zum Mittelstand. Was diese Zahl wirklich bedeutet wollte politisch.ch genauer wissen. Bei den folgenden Zahlen sind Werte wie Feiertage und Ferien nicht berücksichtigt. Allerdings wurde ein 13ter Monatslohn mit eingerechnet. Wenn Sie die folgende Tabelle ansehen, werden Sie feststellen, dass dies einem Brutto Monatsgehalt von Fr. 3450.-, einem ausbezahlten Netto Monatsgehalt von Fr. 2860.- und einem Brutto Stundenlohn von Fr. 19.40 und Netto 16.10 entspricht. Das ist POOR WORKING und hat im Mittelstand absolut nichts zu suchen.

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Avenir Suiss sagt: “ Wer auf der Autobahn von Luzern nach Zürich fährt, sieht einen beeindruckenden Fuhrpark. Es sitzt bestimmt nicht nur die Oberschicht am Steuer all dieser teuren Autos. Wir verreisen mehrmals pro Jahr in die Ferien, was vor 20 Jahren noch keine Selbstverständlichkeit war. Zudem beanspruchen wir pro Kopf so viel Wohnfläche wie noch nie. Zugespitzt könnte man sagen: Wir klagen auf hohem Niveau.“ Tatsache ist, dass sich 56% aller Schweizer KEINER dieser teuren Neuwagen leisten kann, dies geht aus der Statistik vom Bundesamt für Statistik der Vermögen der Schweizer Bevölkerung hervor. Trotzdem sind diese Fahrzeuge natürlich da, doch woher kommen sie? Vor 20 Jahren bezahlte man ein Fahrzeug noch mit dem Realvermögen, heute least man es. Tatsache ist, dass ein grosser Teil der Bevölkerung verschuldet ist. Die reale Kaufkraft ist deutlich niedriger als dies von aussen den Anschein macht. Wer nach Avenir Suisse zur unteren Mittelschicht gehört könnte sich auch kein Leasing Fahrzeug leisten, mit einem realen Monatslohn von Fr. 2860.- kann man bestenfalls versuchen zu überleben.

Als oberstes Maximum der Mittelschicht gilt bei Avenir Suisse ein Nettolohn von Fr. 6350.- im Monat. Wir alle wissen, dass es sich hierbei um ein Durchschnittseinkommen der Mittelschicht und garantiert nicht um das Maximaleinkommen handelt. Reallöhne von Fr. 8000.- sind nicht selten und kommen oft bereits im Unteren, garantiert aber im Mittleren Kader vor. Als oberstes Limit für den Mittelstand wird bei einem 2 Personen Haushalt ein Jahreslohn von Fr. 149`000.- angegeben, dies sollte doch wohl eher als obere Grenze für einen Single Haushalt gelten. Es geht nicht um Wertung oder gar Verteidigung irgendwelcher Gehälter, sondern um eine Darstellung der realen Gegebenheiten.

Tatsache ist, dass 25.5% aller Steuerpflichtigen Personen kein Vermögen besitzen und weitere 30.7% lediglich ein Vermögen zwischen 1000.- bis 50000.-. Nehmen wir die Angaben vom Bundesamt für Statistik haben 50.7% aller Steuerzahler ein Vermögen von Fr. 1`000 bis Fr. 200`000. Diese rund 50% stellen die Mitteschicht dar. Weitere 25% haben zu kämpfen und gelten als poor working. Wohlhabend, mit einem Vermögen zwischen 201`000.- und 1 Million sind 19%, die restlichen sind reich oder superreich.

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Avenir Suisse sagt: „In der Mittelschicht sind die Löhne in den letzten Jahren weniger stark gewachsen als in der Unter- und der Oberschicht.“ Das muss relativiert werden. Was die Oberschicht angeht ist das zweifellos richtig, auch die Kassiererin hat ein klein wenig mehr. Im gut qualifizierten Handwerk sind die Reallöhne seit vielen Jahren nicht mehr gestiegen. Es gibt sogar schlecht bezahlte Branchen in welchen die Reallöhne deutlich abgenommen haben. Eines dieser Beispiele ist die Bewachungsbranche. Die Löhne in der Bewachungsbranche sind gemessen an den Auflagen welche diese Arbeitnehmer zu erfüllen haben schon fast missbräuchlich, ausserdem ist das Lohnniveau real gesunken da viele Zulagen abgeschafft wurden. Unglaublich tiefe Stundenlöhne, dauernder Schichtwechsel Nacht/Frühdienst, keine Feiertagsentschädigung, dauernder Wochenend- und Feiertagsdienst, Ferienanteil im sehr tiefen Stundenlohn integriert, lächerlich tiefe Nachtzuschläge, oft keine echten Erholungstage zwischen den Schichtwechsel, Wegfall von Zulagen für besondere Gefahren, Wegfall für Zulagen in speziell teuren Wohngegenden wie z.B. Zürich, keine Spesenentschädigung, Pausen müssen zwar aufgeschrieben, können aber gar nicht gemacht werden da die Präsenz jederzeit gewährleistet werden muss, Arbeitsbeginn muss unbezahlt 10 Minuten früher erfolgen, jeder Schritt wird überwacht, keine Befugnisse nur Pflichten. Dennoch findet man in dieser Branche aussergewöhnlich gut qualifizierte Arbeitnehmer. Meist sind es Top qualifizierte Männer um die 50 welche auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben eine einigermassen ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit zu finden und nun für einen Tieftlohn einer ebenso tief qualifizierten Arbeit nachgehen müssen. Politisch.ch hatte Einsicht in solche Akten und war geschockt! In diesem Zusammenhang sind die Arbeitgeber gefordert. Es gibt viele gut qualifizierte Arbeitnehmer die keine Arbeitsstelle finden, für sie und wohl auch dem Ansehen der ganzen Schweiz, ist es ein Affront wenn sie durch teuer requirierte Arbeitnehmer aus dem Ausland ersetzt werden.

In einem hat Avenir Suisse natürlich Recht, vergleicht man diese Zahlen mit irgend einem Land auf dieser Welt, ist das tatsächlich jammern auf höchstem Niveau. Auch die ärmsten verhungern nicht, aber sie erhalten auch nicht soviel Sozialhilfe wie es uns einige Politiker glauben machen wollen. Arme Menschen haben, auch wenn sie noch so qualifiziert sind, in der Schweiz wirklich kaum eine Chance sich in irgend einer Form zu entfalten oder zu etablieren. Der Umgang der Schweiz mit echter Armut ist für ein so reiches Land wie die Schweiz leider wirklich erbärmlich. Es gibt kaum ein Land mit sowenig Sozialkompetenz.

Abschliessend kann gesagt werden, dass der Mittelstand bei weitem nicht so gross ist wie es den Anschein macht. Im Internet findet man Zahlen die von bis zu 90% aller Arbeitnehmenden ausgehen, dass ist angesichts der realen Zahlen lächerlich. Die reale Mittelschicht liegt bei etwa 50% aller Steuerpflichtigen. Erschreckend ist die Zahl der Poor Worker, für diese doch recht grosse Gruppierung ist es mit den immer höheren Zwangsabgaben, Mieten und Versicherungen fast unmöglich geworden teure Aus und Weiterbildungen zu machen um sich aus dem Sog der Armut zu befreien, sie gehören definitiv nicht in die Tabelle der Mittelschicht. Zugenommen hat auch der Reichtum. Im Jahre 1985 hätte eine gerechte Verteilung des gesamten Vermögens auf jeden Schweizer noch rund Fr. 90`000.- ausgemacht, heute sind es bereits Fr. 290`000.-

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